Geistliche Domführung

Autor: Domdechant und Weihbischof em. Heinz-Günter Bongartz

Hildesheimer Dom Mariä Himmelfahrt

„Die größte Kunst ist die Kunst des Kopierens,“ sagt Bertolt Brecht (1898-1956).

Der Hildesheimer Dom ist ein romanischer Bau. Zweimal wurde der Dom bis auf die Grundmauern zerstört. 1046 nach einem verheerenden Brand. Und am 22. März 1945 durch die Bombardierung in den letzten Tagen des Krieges. Immer wieder wurde er auf den ursprünglichen Mauern des Domes des heiligen Altfrid aufgebaut.

Der romanische Baukörper ist erhalten geblieben. Romanik: eine Kopie. Die Kopie der römischen Kaiserhalle. Nur mit drei Ergänzungen verändern die Christen ihre romanischen Kirchen. Die Apsis mit dem Altar ist nach Osten ausgerichtet. Hier geht die Sonne auf. Ihre ersten Strahlen fallen auf den Altar. Christus ist die Sonne des Lebens. Im Westen der Turm mit den Glocken. Wie ein Bollwerk schließt er den Dom ab. Westen: Hier geht die Sonne unter. Das Dunkle braucht Abwehr, Einhalt, Widerstand.

Mit den Querschiffen bildet der Dom, von oben gesehen, ein Kreuz. Es gibt keinen Glanz, kein wahres Leben, keine Auferstehung ohne das Kreuz. Die christliche Romanik kündet von der Auferstehung und davon, dass der Karfreitag darum kein vergeblicher Tag war.

„Das innerste Wesen der Liebe ist die Hingabe, der Zugang zu allem ist das Kreuz.“ (Edith Stein)

Der Westturm

Wie ein massiver Riegel begrenzt der Glockenturm den Dom im Westen.

Westen, da geht die Sonne unter. Hier wird es dunkel. Im Mittelalter war darum der Westen Ort des Bösen. Dagegen brauchte es Abgrenzung, Abschottung. Das Böse, das Dunkle, die Finsternis hat im Dom nichts zu suchen.

In Westturm des Domes hängen 12 Glocken. Eines der größten Geläute in Niedersachsen. Dieses Geläut ruft zu jedem Gottesdienst. Menschen sind eingeladen, um in der Begegnung mit Gott das Gute zu entdecken.

Im Evangelium wird von einer Begebenheit berichtet, in der ein Mann zu Jesus kommt und danach fragt, was er tun muss, um das ewige Leben zu finden. Dabei spricht er Jesus mit „guter Meister“ an und Jesus antwortet: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott“ (Mk 10, 18).

Mit Gott in Berührung zu kommen ist der Weg zu einem guten Menschen. Dafür ist der Dom da. Menschen einzuladen, gut zu werden in der Begegnung mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen.

Die Dichterin Rose Ausländer (1901-1988) schreibt: „Vor vielen Geburtstagen, als unsere Eltern den Engeln erlaubten in unseren Kinderbetten zu schlafen – ja meine Lieben, da ging es uns gut.“

Die Glocken erinnern uns, dass Gutsein eine Quelle, ein Fundament hat: Gott, der sichtbar geworden ist in Jesus Christus. Die Gemeinschaft mit ihm und seinen Engeln nimmt uns als seine Kinder an und bewahrt uns vor dem Bösen und motiviert uns zum Gutsein.

Vierungsturm, Dom Mariä Himmelfahrt

Der Vierungsturm markiert den Mittelpunkt des Domes. Unter ihm steht im Hauptschiff der Altar.

Seine Spitze krönt ein Hahn. Er zeigt aus welcher Richtung der Wind weht. Das kann man in zweierlei Hinsicht verstehen. Einmal zeigt er an, wie in der momentanen Wetterlage der Wind bläst. Zum anderen ist er aber auch ein Zeichen: ein Zeichen, warum der Dom hier steht.

Der Papst und Kirchenvater Gregor der Große schreibt einmal: „Wer legte in das Innere des Menschen Weisheit oder wer gab dem Hahn die Ahnungskraft?“ (Hiob 38,36) Wer wird hier wohl als Hahn bezeichnet, wenn nicht - wie oft an anderer Stelle - die heiligen Prediger, die in der Dunkelheit des jetzigen Lebens sich mühen, mit ihrer Stimme Kraft das  kommende Licht ankündigen? Sie sagen nämlich: Die Nacht weicht, der Tag bricht an! (Röm 13,12) Sie brechen mit ihrer Stimme unseren Schlaf ab und rufen: Es ist Zeit, vom Schlaf aufzustehen! (Röm 13,11) und weiter: Wachet ihr Gerechten, sündigt nicht! (1 Kor 15,34)“ (Gregor der Große, vgl. PL 76,527f).

Hinter der Kuppel ein Regenbogen. Es ist, als würde der Hahn auf das Zeichen des Bundes direkt hinweisen. Der Dom ist Erinnerung. Erinnerung an den Bund, den Christus mit allen Menschen geschlossen hat. Es ist eine „gefährliche Erinnerung“. Eine Erinnerung, die nicht alles beim Alten lassen will, sondern zum Menschlichen anstecken will. Das braucht eine innere Wachheit. Und darum einen Hahn, der dazu mahnt.

Nordparadies (1412)

Wer von der Stadt her den Domhof durch das Petrustor betritt, sieht sofort die mächtige gotische Eingangshalle. Der Dom kommt dem Besucher, der Besucherin entgegen. 1412 wird dieser doppelstöckige gotische Anbau mit der imposanten Front dem Dom hinzugefügt. Dieses „Nordparadies“, so wird der Anbau genannt, wird außen geschmückt von der Gottesmutter und rechts und links von den Domheiligen: dem heilige Bernward und dem heilige Godehard.

Wer durch diese Eingangshalle in den Dom tritt, stößt auf ein geschmücktes Eingangsportal. Die Spitze wird von einem Christuskopf geschmückt. Ein Jesuswort sagt: „Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden, er wird ein- und ausgehen und Weide finden“ (Joh 10,9).

Wer den Dom betritt, trifft nicht auf einen leeren Raum. Das, was hinter der Tür liegt, hat eine Zweckbestimmung: die Begegnung mit Christus. Dafür ist der Dom da: für die Begegnung mit Christus. Was das bedeutet?

Petrus wird einmal gefragt: Für wen halten die Menschen mich? Diese Frage wird auch uns gestellt:

„Vergiss einmal, was die berühmten Christen und Geistlichen und Theologen, die Schriftsteller, die sich für witzig halten, dein bester Freund und die Leute aus deinem Hauskreis und der Typ auf der Arbeit und die viktorianischen Choraldichter denken. Für wen hältst du mich?“
Nun?“
(aus einer Predigt von Adrian Plass: "Lasst die Enten doch rückwärts fliegen")

Die Bernwardtür (1015)

Die zweiflügelige Bernwardstür zählt zu den bedeutendsten Meisterwerken mittelalterlicher Bronzekunst. Dieses monumentale Kunstwerk misst 4,72 Meter in der Höhe, hat eine Breite von 1,25 Metern (linke Tür) und 1,15 Metern (rechte Tür). Jede der beiden Türhälften wiegt 1,85 Tonnen. Mit höchster handwerklicher Präzision wurden sie jeweils in einem einzigen Guss gefertigt. Die reliefartige Darstellung von acht Szenen aus dem Alten und acht aus dem Neuen Testament ist für ihre Zeit einzigartig.

Die Bernwardtür ist die Ouvertüre des Domes. Sie setzt das zentrale Thema in Bilder um – die Grundfrage dessen, was geschieht, wenn jemand durch diese Türen eintritt.

Die linke Türhälfte beschreibt, wie es um den Menschen steht: Er ist ein Aufgerichteter – geschaffen von Gott, fähig, über ihn nachzudenken und mit ihm zu sprechen. Doch zugleich ist er der Gefallene, der Sünder, der sich von Gott entfernt hat. Am unteren Rand berührt die Tür den Boden mit der Szene, in der Kain seinen Bruder Abel erschlägt – ein Bild für die bittere Realität der Welt: Streit, Gewalt, Bruder gegen Bruder. Hauen und Stechen.

Der rechte Türflügel zeigt Gottes Antwort darauf: Er wird Mensch. Er richtet sein Wort erneut an die Menschen. In Jesus Christus offenbart sich Gott in einer 1:1-Übersetzung. Selbst in Kreuz und Leid bleibt dieses Wort lebendig. Daher endet die Tür mit der Auferstehung Jesu und der Aufrichtung der Maria Magdalena. In Christus wird der Mensch wieder aufgerichtet, „neuer Mensch“, erlöst, fähig zu lieben.

Denn: „Erlösung ist, lieben zu können, ohne Angst, selbst zu kurz zu kommen“ (Jürgen Werbick).

Dies ist der cantus firmus der Bernwardtür – die durchgehende Melodie dieser einzigartigen Ouvertüre.

Das Taufbecken (1224)

Zwischen 1226 und 1230 stiftete Dompropst Wilbrand von Oldenburg-Wildeshausen das prachtvolle, künstlerisch herausragende Taufbecken der Hildesheimer Bischofskirche. Dieses aus Messing gegossene Meisterwerk thematisiert die gesamte Heilsgeschichte und verdeutlicht die enge Verbindung zwischen Wasser und Leben – eine Erkenntnis, die man wohl schon im 13. Jahrhundert erahnte.

Das Becken ruht auf symbolischen Darstellungen der vier Paradiesflüsse, die als Quelle des Lebens gelten. Der Mantel zeigt biblische Szenen, die die Bedeutung der Taufe erschließen. Taufe bedeutet Freiheit – ein „Herausgehen aus“ (der Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft durch das Rote Meer), ein „Hineingehen in“ (das gelobte Land, die Gegenwart Gottes) und ein „Sein als“ (Sohn oder Tochter Gottes, wie bei der Taufe Jesu).

Doch Taufe ist nicht nur Geschenk, sondern auch Antwort. Sie bedeutet, dem lebensspendenden Gott mit Werken der Gottes- und Nächstenliebe zu begegnen – eine Botschaft, die auch auf dem kunstvoll gestalteten Taufdeckel dargestellt ist.

Die Taufe ist das Zeichen, dass Gott der Geber und Bewahrer allen Lebens ist. Selbst im Angesicht des Todes bleibt dieses Leben bei ihm geborgen. Diese Zusage verleiht dem Dasein Würde und Halt – auch dann, wenn äußere Umstände Fesseln anlegen. Wer seine Taufe versteht, weiß, dass Gottes Zusage eine ewige Gültigkeit hat. Deshalb ist er in dieser Welt niemals allein, und der Tod bedeutet nicht Vernichtung, sondern Heimkehr.

Heziloleuchter (1261)

Eine Stadt. Die himmlische Stadt. Die ewige Stadt.

Im letzten Buch der Bibel, der Apokalypse, heißt es, dass der Himmel eine Stadt ist – umgeben von Mauern, mit offenen Toren, bewacht von Türmen, die Schutz gewähren. Sie ist die Wohnung Gottes.

„Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen“ (Offb 21,1-3).

Der größte mittelalterliche Radleuchter trägt 72 Kerzen – so viele Völker kannte man im Mittelalter. Ein Zeichen: Gott ist die Mitte dieser Stadt. Alle Welt findet hier ihr Zuhause.

Diese Stadt ist nicht fern. Sie kommt herab. Ihr Licht und ihr Gold leuchten bereits hier und jetzt – anfanghaft. Dort, wo Gott und die Menschen geliebt werden. Dort, wo in Sorge und Not Menschen ihren Blick nach oben richten und der Hoffnung auf Gott etwas zutrauen. Dort, wo wir den Kopf heben und mit anpacken, dass die Welt Frieden findet.

„Als ob es irgendein Licht wäre, dessen Quelle wir nicht sehen und nicht sehen können, aus dessen Leuchten wir aber trotzdem leben – sei es so, dass wir uns an seinem unbegreiflichen Übermaß freuen, oder so, dass wir an seinem unbegreiflichen Mangel leiden“ (Václav Havel).

Ulrich Rückriem, Altar (2014)

Nach der Renovierung hat der Dom einen neuen Altar erhalten – einen schlichten, zurückhaltenden Block aus Anröchter Dolomit.

Ulrich Rückriem brach ihn in einem Steinbruch nahe Soest heraus. In der Mitte wurde der Stein durch Bohrungen gespalten, das untere Teil gedrittelt und das Mittelstück entfernt. Die freigelegten Innenseiten sind vergoldet.

Schlicht und doch beeindruckend. 120 Millionen Jahre oder noch älter ist dieser Stein – eine unvorstellbare Zeitspanne. Der menschliche Verstand kann sie kaum begreifen, unser Gefühl reicht nicht aus, um sie zu erfassen. Und doch: 120 Millionen Jahre sind gezählte Jahre einer endlichen Zeit. Auch dieser Altar, trotz seines hohen Alters, ist der Vergänglichkeit unterworfen.

Auf ihm stehen in fast jedem Gottesdienst Brot und Wein. „Wandlung“ nennen wir den zentralen Moment der Eucharistiefeier: Das Endliche verwandelt sich ins Unendliche. Der Altar wird in unsere begrenzte Zeit zum Einfallstor der Ewigkeit. Christus, das Alpha und das Omega, der Auferstandene, wird hier gegenwärtig – ein Geheimnis, das unser Begreifen übersteigt und doch göttliche Wahrheit bleibt.

„Wenn ihr also selbst Leib Christi und seine Glieder seid, dann liegt auf dem eucharistischen Tisch euer eigenes Geheimnis … Ihr sollt sein, was ihr seht, und sollt empfangen, was ihr seid“ (Augustinus, Sermo 272: PL 38,1247f).

Irminsäule (11.-12. Jahrhundert)

Sie steht nun in der Mitte der Apsis: die Irminsul, einst der Osterleuchter des Domes. Um diese Säule ranken sich Legenden. Karl der Große soll sie bei der Missionierung der Sachsen umgestoßen haben – doch das bleibt Legende.

Gefertigt aus Kalksinter, entstanden durch Ablagerungen in einer antiken Wasserleitung, die von Köln bis in die Eifel reichte. 1,87 Meter hoch, mit einem Umfang von 26 Zentimetern. Eine metallene Basis trägt sie, ein vergoldeter Blätterkranz aus Kupfer schmückt ihren Abschluss.

Ursprünglich endete die Krone in einem Dorn, der die Osterkerze hielt. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte ihr Standort im Dom – ebenso ihr Erscheinungsbild. Seit der Renovierung des Domes krönt nun ein modern gestaltetes Kreuz aus brasilianischem Bergkristall den Blätterkranz.

Heute steht sie in der Apsis. Das Kreuz ist nicht mehr Zeichen des Schmerzes, sondern Symbol des Sieges. Darüber der Thietmarleuchter, dahinter die transparenten Fenster, durch die der tausendjährige Rosenstock schimmert – andere Bilder für das Leben, für das Leben nach dem Leben.

Ein Lichtkreuz. Es markiert am Ende der West-Ost-Achse des Domes die Richtung unseres Weges. Die neue Gestaltung soll zum Blickfang für jede Besucherin und jeden Besucher werden – eine Erinnerung daran, worauf es ankommt in unserer befristeten Zeit.

Mortem moriendo destruxit.
Jesu Tod ist der Tod des Todes.

Bernwardsäule (um 1000)

Wie die Türen ist auch die Säule des heiligen Bernward ein technisches und künstlerisches Wunderwerk. Um das Jahr Tausend konnte niemand sonst ein derartiges Bronzemonument mit bildlicher Darstellung in einem einzigen Guss erschaffen.

24 Szenen aus dem Leben Jesu – jedes Bild verdient es, einzeln betrachtet zu werden. Doch eines fällt auf: In fast allen Darstellungen handelt Jesus. Er wendet sich den Menschen zu, streckt seine Hand aus, hat stets den oder die andere im Blick. Er geht auf die Menschen zu. Wie oft wünschen sich Menschen, dass die Kirche eine „Geh-hin-Kirche“ sein soll – Jesus macht es vor.

Doch drei Bilder sind anders: die Taufe Jesu, die Verklärung und eine Szene, die nicht mehr existiert – das Kreuz an der Spitze der Säule. Im 16. Jahrhundert wurde es für Kanonen eingeschmolzen.

Diese drei Szenen nennt man Epiphanie – Offenbarung. In der Taufe, auf dem Berg der Verklärung und am Kreuz wird sichtbar: Jesus ist nicht nur Mensch. In ihm begegnet uns Gott selbst. Darum ist sein Wort Gottes Wort. Darum ist seine Hingabe die Hingabe des Vaters. Darum ist seine Nähe die Nähe des Heiligen Geistes.

Auf diesen drei Bildern blickt Jesus nicht nach rechts oder links. Er schaut direkt auf die Betrachtenden der Säule – als würde er fragen: „Und du? Wie hältst du es mit mir? Wer bin ich für dich?“

Der römische Hauptmann in der Kreuzigungserzählung des Markus-Evangeliums erkennt in der Stunde des Todes Jesu: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ (Mk 15,39)

Ich bin sicher: Er hätte das Kreuz auf der Säule nicht eingeschmolzen. Er hätte es immer wieder angeschaut.

Tintenfassmadonna (Erste Hälfte des 15. Jahrhunderts)

Ein schreibender Jesus. Maria ist imposant gekrönt. Ein Tintenfass liegt sanft in ihrer Hand. So kann der Knabe, ganz in sich hineinhörend, schreiben.

Immer wieder erhielt die besondere Darstellung der Madonna eine neue Farbfassung. Insgesamt fünfmal. Maria ist die Frau des Volkes. Immer wieder stehen Menschen vor ihr und beten. Sie soll in der Not Hoffnung schenken. Darum soll sie den Menschen nahe sein, soll in den Farben leuchten, die sie anziehend machen.

Ob sie weiß, was ihr Kind auf dem Schriftband schreibt? Es scheint, als würde sie darüber nachdenken. Ihre ganze Haltung ist Anmut, Erhabenheit und Schönheit.

Aber Maria ist nicht nur königlich, würdig, schön: Sie ist die „personifizierte Summe des Evangeliums“. Nichts ist ihr am Evangelium fremd. Dafür ist sie den Weg ihres Sohnes bis unters Kreuz mitgegangen. Sie erkennt in ihrem Herzen am Ostermorgen, was im Kolosserbrief festgehalten ist: „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten , aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat“ (Kol 2,14).

Maria erfährt sich in der Begleitung ihres Sohnes als dienende Magd. Sie hält das Tintenfass. Und er, Jesus, schreibt, streicht durch. Er streicht unsere Schuld durch, damit wir neu anfangen können im „Ja“ sagen. „Ja“ sagen zu uns selbst und zu seinem Willen.

Orgel (2014)

Kunst ist Ausdruck des Glaubens, und Glauben ist die Sehnsucht nach dem Vollkommenen. Es gibt viele Wege, dieser Sehnsucht Ausdruck zu verleihen. Musik besitzt die einzigartige Kraft, den ganzen Menschen in eine neue Welt mitzunehmen – sie führt uns an Orte, die wir auf anderem Wege nicht erreichen könnten.

Gerade in der Liturgie spielt die Musik deshalb eine unverzichtbare Rolle. Ein beeindruckendes Zeugnis dieser Verbindung von Glaube und Musik ist die neue Orgel im Dom. Mit ihren 77 Registern und weiteren 16 Registern der Chororgel ist dieses Instrument der Firma Seifert aus Kevelaer ein klangliches Meisterwerk.

Mozart nannte die Orgel die „Königin der Instrumente“ – und in der Liturgie zeigt sie ihre ganze Erhabenheit. Sie lässt die Feier des Glaubens über das gesprochene Wort hinauswachsen und berührt die Herzen der Menschen. Sie hilft, das Unsagbare auszudrücken, das Göttliche zu erspüren. Sie erhebt die Seele, wo Worte versagen.

Als Dienerin unserer Sprachlosigkeit verleiht die Orgel Stimme – den Glaubenden und Suchenden, den Fröhlichen und Traurigen, den Zweifelnden und Hoffenden, den Klagenden und Verzweifelten. Ihr Klang macht die Liturgie sakral. So wie Aaron und Hur einst Moses Arme stützten (Ex 17,8–18), trägt die Orgel den Menschen im Gebet und hilft ihm, das Geheimnis Gottes zu berühren und zu bewohnen.

Krypta mit Madonna und Lipsanotheka

Der Anfang geht immer mit! Dieses Wort wird dem heiligen Augustinus zugeschrieben.

Wer die Krypta des Domes betritt, kommt mit dem Anfang des Domes in Berührung. Auf diesem Boden wurde 815 die erste Marienkapelle gebaut. Kaiser Ludwig der Fromme, Sohn Karls des Großen, hatte das Bistum Hildesheim gegründet.

Die Legende erzählt, dass der Kaiser in den Wäldern Hildesheims jagt. Bei einem Gottesdienst hängt sein Hofkaplan das kostbare Reliquiar der Gottesmutter, die sogenannte Lipsanotheka, in einen Baum. Es wird vergessen. Als man es schließlich wiederfindet, ist es von einem Rosenstock nicht mehr zu lösen. Seitdem ist die Lipsanotheka, die in der Krypta unter der gekrönten Madonna ausgestellt ist, mit dem Tausendjährigen Rosenstock und dem Dom die identitätsstiftenden Zeichen des Bistums Hildesheim.

Der große Schweizer Theologe Hans-Urs von Balthasar (1905-1088) schreibt: „Alle Dinge kann man doppelt betrachten. Als Faktum und als Geheimnis.“

Zur Bistumsgeschichte gehören Fakten. Die Legende hat ihre eigene Wahrheit: Kirche ist nicht das Ergebnis von Fakten.

Kirche beginnt immer mit glaubenden Menschen, die das Geheimnis Gottes an einem Ort sichtbar machen wollen. Am Anfang der Kirche von Hildesheim standen Menschen, die dem Glauben an Jesus Christus etwas zugetraut haben. „Wir wissen von Gott weniger als die Ameisen vom Britischen Museum“, sagt der Psychiater C. G. Jung (1875-1961). Gott und sein Handeln ist Geheimnis. Doch seit Jesus Christus können wir das Geheimnis „bewohnen“. Daran erinnert die Ursprungslegende.

Sarkophag des hl. Godehard, Krypta

Zwei große Heilige haben das Bistum Hildesheim geprägt. Der heilige Bernward (993-1022) und der heilige Godehard (1022-1038). Der eine Erzieher von Otto III., Politiker, Baumeister und Künstler, der andere eher Mönch und Seelsorger. Bernward gebürtiger Sachse, Godehard ein Bayer aus dem Kloster Niederalteich. Bernward hatte ursprünglich seine Grablegung in der nahegelegenen Michaeliskirche. Godehard wurde von Anfang an im Dom beigesetzt. 1133 wurde er bereits heilig gesprochen. Zusammen mit dem Schrein der Bistumsheiligen (Epihaniusschrein), der im Dom ebenfalls ausgestellt ist, gehören diese beiden 1144 angefertigten Schreine zu den ältesten des Mittelalters.

Der brasilianische Theologe Leonardo Boff (*1938) erzählt einmal, wie er eines Tages einen Brief aus seiner Heimat bekommt: Sein Vater sei plötzlich gestorben. Er entdeckt im Briefumschlag einen kleinen Zigarettenstummel, den Rest der letzten Zigarette, die der Vater geraucht hat. Es ist für ihn kein einfacher Zigarettenstummel mehr. Er spricht von einem „Sakrament“, etwas, das den Vater gegenwärtig sein lässt.

Es gibt Menschen, die bleiben lebendig, auch wenn sie schon begraben sind. Ein Bild auf dem Schreibtisch erinnert an sie. Ein Gegenstand, aufgehoben und gehütet, macht sie gegenwärtig und im Herzen lebendig. Ein Brief von ihnen kann kostbarer sein als Gold.

Reliquien: Sie sind für die Erinnerung da. Sie sind wie ein Schatz im Herzen. Sie stoßen an, mobilisieren, geben Anregung, machen nicht traurig, sondern deuten das Leben.

Es gibt keine Erlösung ohne Erinnerung, Gedenken ohne Nachdenken, ohne Verehrung derer, die vor uns gelebt haben.

Eine solche Erinnerung ist Anstoß, selbst zu einer Reliquie für die Zukunft zu werden.

Tausendjähriger Rosenstock

Keiner weiß, wie alt der Rosenstock wirklich ist. Bereits im Mittelalter hat man vom tausendjährigen Rosenstock gesprochen. Die Rose hat eine geheimnisvolle Anziehungskraft. Bis heute zieht sie tausende von Menschen an.

Eine einfache Rose. Die sogenannte Hundsrose. Und doch ist dieser Rosenstock für die Hildesheimer mehr als nur ein Hagebuttenstrauch.

Im Krieg wurde der Rosenstock am 22. März 1945 durch Bomben zerstört. Unter dem Schutt der Zerstörung begraben. Aber im gleichen Jahr, im Mai, trieben aus den Trümmern die ersten Zweige hervor. Und ein Jahr später begann er wieder zu blühen.

Die Rose hat eine Zähigkeit, eine Widerstandskraft, eine Festigkeit, eine Unverwüstlichkeit, die man sich in manchen Lebenssituationen nur wünschen kann.

Nach der Renovierung ist der Rosenstock durch die neuen Apsisfenster im Dom sichtbar. Mit dem Osterleuchter ist er ein Zeichen des Lebens, der Auferstehung.

Denn seit der Auferstehung Jesu dürfen wir nie mehr sagen: Es ist alles aus!
Bischof Martin Kruse (1929-2022)

Annenkapelle mit Friedhof (1321)

Die Apsis des Doms mit dem berühmten Rosenstock ist von einem doppelstöckigen Kreuzgang umgeben. Dieser bildet den Rahmen für einen Friedhof, in dessen Zentrum die Totenkapelle steht. Sie ist der heiligen Anna, der Mutter Marias, geweiht und gilt als das erste errichtete gotische Bauwerk in Hildesheim.

Im Kreuzgewölbe des Kreuzgangs zieren mythologische Darstellungen der Auferstehung die Schlusssteine: der Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Blut nährt, der Löwe, der seinem Jungen mit seinem Atem neues Leben einhaucht, und der Phönix, der aus der Asche wiedergeboren wird.

Am Abend des Allerseelentags endet auf diesem Friedhof der Gottesdienst. Die Gläubigen und das Domkapitel versammeln sich zwischen dem Rosenstock und der Annenkapelle, um der Verstorbenen zu gedenken. In dieser feierlichen Stunde werden die umliegenden Gräber gesegnet und verkünden dabei die Botschaft der Auferstehung. Denn:

„Die Hoffnung auf die Auferweckung der Toten, der Glaube an die Durchbrechung der Schranke des Todes macht uns frei zu einem Leben gegen die reine Selbstbehauptung, deren Wahrheit der Tod ist. Diese Hoffnung stiftet uns dazu an, für andere da zu sein, das Leben anderer durch solidarisches und stellvertretendes Leiden zu verwandeln. Darin machen wir unsere Hoffnung anschaulich und lebendig, darin erfahren wir uns und teilen uns mit als österliche Menschen. ‚Wir wissen, dass wir vom Tod zum Leben hinübergeschritten sind, weil wir die Brüder lieben; wer nicht liebt, der bleibt im Tode‘ (1 Joh 3,14)“. (Aus: Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit. Beschlusstext der „Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“, Würzburg 1975.)

Dieser stille Ort ist eine lebendige Erinnerung an Ostern und lässt erahnen:

„Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.“ (Dietrich Bonhoeffer, 1906-1945)