Die Domorgeln im Hildesheimer Dom

Die singende Gemeinde und die Musik der Chöre ist ein zentraler Bestandteil der katholischen Liturgie. Neben dem unbegleiteten (a cappella) war es aber schon von Beginn an üblich, den Gesang der Gläubigen mit Instrumenten zu begleiten.

Die Hauptorgel des Hildesheimer Dom.

Auch die Hauptorgel des Hildesheimer Doms wurde im Zuge der Sanierung des Hildesheimer Doms umfangreich erneuert.

Im europäischen Raum wurde so die Pfeifenorgel im Laufe der Jahrhunderte das wichtigste Begleitinstrument. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Orgel auch im sanierten Dom eine wichtige Rolle spielt – nicht nur, weil sie der mit weitem Abstand größte Ausstattungsgegenstand des Doms ist (die Domorgel hat ein Gesamtgewicht von über 20 t und die Hauptorgel allein erreicht schon die Größe eines Einfamilienhauses), sondern auch, weil sie eben »das« Begleitinstrument der katholischen Kirche schlechthin ist.

Entstehungsgeschichte

Die Domorgel vor 1945.Schon ab dem 14. Jahrhundert gibt es schriftliche Berichte über mindestens zwei Orgeln im Hildesheimer Dom: die Hauptorgel und eine sog. Kleine Orgel. Diese Orgeln wurden dem jeweiligen Zeitgeschmack entsprechend durch bedeutende Orgelbauer wie z. B. Matthias Naumann aus Hildesheim (ein Meistergeselle Arp Schnitgers) im Barock und Furtwängler & Hammer aus Hannover zu Beginn des 20. Jahrhunderts umgebaut oder erneuert.

Nach dem zweiten Weltkrieg besaß der Dom nur noch ein Orgelwerk auf der neugebauten Westempore. Diese Orgel wurde von Franz Breil aus Dorsten im Jahr 1960 gebaut und war die erste kath. Domorgel mit rein mechanischer Spieltraktur in Deutschland. Den Prospekt entwarf der Hannoveraner Architekt Heinz Wolff, die neobarocke Disposition wurde von Rudolf Reuter aus Münster zusammengestellt. Im Jahr 1989 baute auf Initiative des damaligen Domorganisten Fritz Soddemann die Bonner Werkstatt Klais diese Orgel hinter dem alten Prospekt technisch komplett um und erweiterte die Disposition um ein Schwellwerk. Dieser Zustand bestand bis zum Jahr 2010.

Die Domorgel 2007.Die Entscheidung des Hildesheimer Domkapitels im Rahmen der Domsanierung die alte Orgelempore abreißen zu lassen hatte zur Folge, dass die Chöre des Doms nun einen anderen Platz zum Singen bekommen haben, an dem auch eine Chororgel zur Begleitung stehen sollte. Die Hauptorgel bekam ihren Platz an alter Stelle, allerdings etwas nach hinten versetzt und ohne eine ausladende Sängerempore davor. Beide Orgelwerke wurden bei der Werkstatt Seifert aus Kevelaer in Auftrag gegeben und in Absprache mit dem beauftragten Orgelbauer vom Architekturbüro Schilling aus Köln gestaltet und geplant.

Die heutige Disposition beider Orgeln entwarfen die Dommusiker. Während die Chororgel eine kompletter Neubau ist, sind in der Hauptorgel viele Teile der Orgeln von Breil und Klais wiederverwendet worden: darunter 58 Register, fast alle alten Windladen und das Chassis des Hauptspieltisches. Die Chororgel stellt alle Klangfarben für eine tragfähige, romantisch orientierte Chorbegleitung zur Verfügung, die Hauptorgel basiert in ihrem Klangkonzept auf der Orgel von Klais, wurde aber im Bereich der Prinzipalstimmen, der Bassregister und der solistischen Stimmen erneuert bzw. ergänzt. Die Klangfarben im Schwellwerk der Chororgel können in Verbindung mit der Hauptorgel auch als eine Art Fernwerk verwendet werden. Die gesamte Orgelanlage ist von zwei identischen 4-manualigen Spieltischen aus anspielbar. Der Hauptspieltisch oben mit mechanischer Spieltraktur, der Generalspieltisch im Kirchenschiff rein elektrisch. Die Steuerung funktioniert über ein BUS-System.

Klangkonzept der Domorgeln

Das Klangkonzept der Hildesheimer Domorgeln orientiert sich an drei zentralen Punkten:

  • Für die überzeugende Darstellung von Orgelmusik aus vielen Epochen müssen die geeigneten Klangfarben vorgehalten werden.
  • Ein Großteil der alten Hauptorgel sollte in das Konzept übernommen werden.
  • Eine zusätzliche Orgel zur Begleitung der Chöre wird in der Nähe der neuen Chorstufen im Kirchenschiff benötigt, die alte Sängerempore wurde im Zuge der Domsanierung entfernt.

Blick auf die Pfeifend der Hauptorgel.Vor der Sanierung des Doms hatte eine sorgfältige Sichtung aller Teile der alten Hauptorgel gezeigt, dass ein unveränderter Wiederaufbau nicht möglich (veränderte Platzbedingungen nach dem Wegfall der Chorempore), andererseits ein vollständiger Neubau aber auch nicht notwendig ist. Rund 80 Prozent der Orgel von 1960/89 waren so qualitätvoll, dass eine Übernahme in eine „neue“ Hauptorgel sinnvoll schien. Mit der Weiterverwendung von 58 Registern – das sind etwas mehr als 3200 Pfeifen aller Größen – den Windladen und dem Chassis des alten Spieltisches konnten auch die Kosten gegenüber einem kompletten Neubau deutlich gesenkt werden. Bei der Zusammenstellung der Disposition der Hauptorgel mit nun 77 Registern war „stilistische Vielseitigkeit“ das Leitwort. So ist es auch nicht überraschend, dass der jetzt verwirklichte Dispositionsentwurf fast identisch ist mit den Ideen des früheren Domorganisten Fritz Soddemann, die dieser 1988 zu Papier brachte. Vergleicht man die Disposition der Hauptorgel von 1989 mit der jetzigen, so lassen sich folgende Unterschiede zusammenfassen:

Der Generalspieltisch der Orgeln im Hildesheimer Dom.

  • Der Bassbereich der Orgel wurde nachhaltig verstärkt, um auch bei voller Kirche und romantischen Orgelwerken genügend Fundament zu haben. Dazu sind Register im Bereich des Pedals hinzugekommen.
  • Die einzelnen Manualwerke wurden durch Versetzungen und den Austausch von Klängen noch klarer in ihrem Charakter und ihrer Funktion definiert. So wurden z. B. das Rückpositiv als Gegenspieler des Hauptwerkes aufgewertet und im Schwellwerk einige typisch romantische Farben ergänzt, die auch eine deutlich mystische Klangkomponente beinhalten.
  • Die bisher klanglich stark prägenden sogenannten Spanischen Trompeten wurden beibehalten, ins Innere der Orgel versetzt und um ein Hochdruckwerk romantischen Charakters ergänzt, das nun auch die stilechte Wiedergabe von z.B. Orgelmusik des 19. und 20. Jahrhunderts aus England und Amerika möglich macht.
  • Durch die Ergänzung von oktavierenden Koppeln ist der Klangfundus noch variabler einsetzbar.

Um die Chororgel klanglich planen zu können, war ein Studium der Chorliteratur in der Besetzung für Chor und Orgel – besonders bzgl. der Musik der Romantik – notwendig. Auch die noch existierenden Chororgeln aus dieser Zeit in Deutschland, Frankreich und England gaben wichtige Impulse für die Planung. Das Ergebnis ist eine kompakte Orgel mit 16 Registern:

  • Die Chorgel im Hildesheimer Dom.Das Pedal hat trotz der geringen Größe alle notwendigen Stimmen für eine gut unterstützende Chorbegleitung (inkl. einer 16´-Zungentimme in voller Länge).
  • Das Hauptwerk ist auf das Nötigste reduziert, kann aber bei kleineren Gottesdiensten (z.B. an Werktagen) durch einen 2´ und eine Mixtur durchaus auch die Gemeindebegleitung übernehmen.
  • Das Schwellwerk beinhaltet alle Stimmen, die für eine farbige und originalgetreue Chorbegleitung auch großer symphonischer Werke nötig sind. Im Zusammenspiel mit der Hauptorgel kann dieses Werk durch seine Streicherstimmen aber auch als quasi „Fernwerk“ in der Musik der deutschen Romantik eingesetzt werden.

Um beide Orgeln optimal nutzen zu können, gibt es nun auch zwei fast identische Spieltische – einer fest an der Hauptorgel angebaut, der andere fahrbar im Kirchenschiff – von denen jeweils beide Orgeln vollständig bespielt werden können. So ist gewährleistet, dass die Hildesheimer Domorgeln eine optimale Ausnutzung ihrer Möglichkeiten zulassen.

Weihe der Domorgeln